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Gewalt in einer Partnerschaft hört im Alter nicht auf
Eine Studie untersuchte die Situation älterer Frauen, die Opfer von Gewalt in einer Partnerschaft geworden waren. Für Österreich nahm das Institut für Konfliktforschung teil. Die Studienautorinnen Birgitt Haller und Helga Amesberger im Interview.

Leben & Freude: Was war das Ziel Ihrer Studie?
Es gibt bislang nur sehr wenige Daten zum Thema „Gewalt in der Familie“, weil es keine repräsentativen Erhebungen dazu gibt. Die Hälfte der Organisationen, die wir befragt haben, hat angegeben, dass sie auch von älteren Frauen kontaktiert worden sind. Das ist bemerkenswert, weil ältere Frauen größere Hemmungen haben, sich an eine Einrichtung zu wenden. Es ist daher davon auszugehen, dass es eine große Dunkelziffer von betroffenen Frauen gibt.
Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?
Partnergewalt hört im Alter nicht auf und für ältere Opfer sind die Hürden auf der Suche nach Unterstützung sehr groß. Insgesamt besteht gerade bei älteren Menschen ein Informationsmangel. Zum Beispiel wissen immer noch nicht alle, dass es in Österreich ein Gewaltschutzgesetz gibt. Dies betrifft auch Ärztinnen und Ärzte, die eine zentrale Rolle spielen, weil sie ja mit verletzten Personen konfrontiert sind. Wichtig ist unserer Meinung nach daher, gerade Ärztinnen und Ärzte für das Thema zu sensibilisieren. Ärztinnen und Ärzte behandeln Folgen von Gewalt wie Schlafstörungen, Depressionen und Angstzustände mit Psychopharmaka und erkennen nicht, dass die Ursache dafür Gewalt ist. Oder sie stellen fest, dass eine Frau misshandelt worden ist, wissen aber oft nicht, was sie betroffenen Frauen raten sollen.
In Österreich wurde 1997 das Gewaltschutzgesetz beschlossen. Wie schaut der Opferschutz in Österreich, verglichen mit anderen Ländern, aus?
Die Gesetzgebung gegen familiäre Gewalt kann als beispielgebend bezeichnet werden. Das Gewaltschutzgesetz sieht vor, dass die gewalttätige Person aus der gemeinsamen Wohnung verwiesen und über sie ein zweiwöchiges Betretungsverbot verhängt werden kann. Seit 2006 haben Gewaltopfer außerdem einen Rechtsanspruch auf kostenlose psychosoziale und juristische Prozessbegleitung. Vergewaltigung in der Ehe ist seit 2004 strafbar, Stalking, darunter versteht man beharrliche Bedrohung, seit 2006.
Welche Methode wurde zur Erstellung der Studie verwendet?
Wir haben ältere Frauen, die in Hilfseinrichtungen leben, in Tiefeninterviews befragt. Wie bereits erwähnt, wenden sich nur wenige ältere Frauen an Hilfseinrichtungen. Das hat verschiedene Gründe: Viele Frauen sind mit der Einstellung aufgewachsen, dass der Mann das Familienoberhaupt ist und somit das Sagen in der Familie hat. Sie haben sich in ihr Schicksal hineingefunden und sehen dieses als unabänderlich an. Ein weiterer Grund, wenn Frauen katholisch erzogen worden sind, liegt darin, dass für sie auch aus religiösen Gründen eine Trennung oder Scheidung nicht vorstellbar ist.
Welches Alter hatten die betroffenen Frauen? Was bewog die Frauen dazu, letztlich doch Hilfe zu suchen?
Das Alter der befragten Frauen lag zwischen 62 und 88 Jahren. Alle Frauen waren sehr eigenständig, rüstig und hatten Kraftressourcen. Sie wendeten sich letztlich an eine Hilfseinrichtung, weil sie akut bedroht waren und um ihr Leben fürchteten. Meist gab es einen Vorfall, der das berühmte Fass zum Überlaufen brachte. Häufig haben sich erwachsene Kinder eingeschaltet, die die Mutter dazu ermuntert haben, etwas zu unternehmen.
Sie haben viele Frauen befragt und jede Frau hat ihre eigene Geschichte. Gab es dennoch Übereinstimmungen?
Bei allen befragten Frauen begann die Gewalt nicht erst im Alter, sondern bereits sehr früh in der Beziehung. Die ersten Übergriffe erfolgten meist nach einem halben Jahr bis zwei Jahre nach der Heirat. Besonders Brüche in der Biografie, wie eine Schwangerschaft, Arbeitslosigkeit, Abschied vom Beruf, machen anfällig für Gewalt. Mit den Kindern endete die Berufstätigkeit der Frauen, der Mann übernahm die Rolle als Familienoberhaupt.
Einig waren sich die Frauen darüber, dass sie ihren Mann bereits zu einem früheren Zeitpunkt verlassen hätten sollen. Zitat: „Nicht zuwarten – der Mann wird sich nicht ändern.“ Oder Zitat: „Weg vom Mann. Kopf hoch und durch. Weil das bringt nichts. Man macht sich selbst kaputt.“
Wie gingen die Frauen mit der erlittenen Gewalt um?
Die Frauen haben mit Hinnahme, Rückzug und Unterordnung reagiert. Häufig fanden sie Entschuldigungen für das gewalttätige Verhalten des Mannes. Ihre Lebenssituation haben die Frauen – solange es sich nicht um schwere körperliche Gewalt gehandelt hat – als normal hingenommen und gelernt, damit zu leben. Kontrollwahn, extreme Eifersucht, Beschimpfungen, finanzielle Gewalt und Unberechenbarkeit wurden Teil ihres Alltags. Auslöser für die Gewalttaten waren oft für die Frauen gar nicht erkennbar, häufig hat Alkohol eine Rolle gespielt. Von vielen Frauen wurde ihr Mann als „Mann mit zwei Gesichtern“, der sich nach außen hin als charmant und freundlich gegeben hat, zu Hause hingegen brutal und dominant war, beschrieben.
Ältere Frauen sehen oft keine Alternative zur Gewaltbeziehung. Was sind die Gründe dafür?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens haben sich die meisten Frauen auf die Familienarbeit konzentriert und sind finanziell vom Partner abhängig. Sie könnten es sich nicht leisten, einfach von zu Hause auszuziehen. Dann ist es besonders schwierig auszuziehen, wenn es sich um ein Eigenheim handelt, für das oft jahrelang gespart worden ist. Eine Rolle spielt auch der soziale Status, der mit einer Trennung verloren gehen kann. Besonders im ländlichen Raum herrscht ein traditionelles Frauen- und Familienbild vor: Eine Trennung wäre auch ein Scheitern in der Rolle als Ehefrau und Mutter.
Die Opfer tendieren außerdem dazu, die Realität zu verdrängen. Sie leben jahrelang in der Hoffnung, der Täter würde sich ändern, was aber nie passiert. Sich der Realität zu stellen und Konsequenzen zu ziehen, fällt schwer. Eine Rolle spielt natürlich auch die Unsicherheit während der Trennungsphase und die Angst vor der Zukunft.
Wird die Studie auch praktische Konsequenzen haben? Wie geht es weiter?
Bei der aktuellen Studie ging es vor allem darum, die Fakten zusammenzutragen und wissenschaftlich zu analysieren. Wir arbeiten derzeit an einer Folgestudie, die praxisorientiert ist und konkrete Hilfsmaßnahmen vorsieht. Es werden Polizei und Hilfsorganisationen eingebunden sein.
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